Abstract
Dieser Artikel geht der Frage nach, wie man virtuelle Nähe
in interkulturell besetzten Lerngruppen erzeugen kann. Der
Autor vertritt die Auffassung, dass in der Vielzahl von „Distanzen“,
die für das Lernen zwischen den Kulturen charakteristisch
ist, ein großes Potential liegt, dass durch professionelle
Betreuung freigesetzt werden kann.
Es ist schon paradox!
Erst schaffen wir die technischen Voraussetzungen, die es
ermöglichen, Lerner und Lehrende zu trennen und dann
zerbrechen wir uns den Kopf, wie wir eben diese Trennung wieder
aufheben können.
Unbestritten ist: Online-Lernen
ist umso Erfolg versprechender, je besser es gelingt, die
vielfältigen Distanzen zwischen Lernern und Lehrenden
zu überbrücken. Räumliche und zeitliche Distanzen
lassen sich mittels ausgereifter technischer und organisatorischer
Maßnahmen gut überbrücken. Wie sieht das aber
mit kulturellen Distanzen aus? Interkulturell besetzte Lerngruppen
sind ja geradezu charakteristisch für die Entwicklung
des E-Learning-Sektors während der letzten Jahre. Kann
man angesichts völlig unterschiedlicher Lebensrhythmen,
Lernformen und Kommunikationsgewohnheiten innerhalb einer
Lerngemeinschaft, überhaupt darauf hoffen, dass in einem
eng begrenzten Zeitraum virtuelle Nähe
entsteht?
Man kann. Allerdings erfordert eine oft löchrige, sprachliche,
kulturelle und fachliche Basis einen besonderen tutoriellen
Ansatz.
Virtuelle Nähe entsteht im monokulturellen Online-Lernen
durch Betonung von Gemeinsamkeiten – im interkulturellen
Online-Lernen durch Betonung von Unterschieden.
Viele Tutoren betrachten die Arbeit
im interkulturellen Bereich als „tutoriellen Super-GAU.“
Wie kann man mit Menschen kommunizieren, die nicht einmal
zur gleichen Zeit wach sind, die keine gemeinsame Muttersprache
oder einen vergleichbaren fachlichen oder sozialen Hintergrund
haben?
Interessanterweise
suchen viele Kollegen den Ausweg aus diesem Dilemma, indem
sie sich intensiv auf den kulturellen Hintergrund der LernerInnen
vorbreiten. Die Teilnehmerschaft wird zunächst regional
kategorisiert. Anschließend schlägt man in der
einschlägigen Literatur Verhaltens- und Kommunikationsmuster
nach, die es dann im Tutoring zu berücksichtigen gilt.
Heraus kommt allzu oft ein Tutoring-Konzept, das sich am kleinsten
gemeinsamen Nenner orientiert und das Problemfelder weitgehend
ausklammert.
Virtuelle Nähe kann so sicherlich nicht erreicht werden
– höchstens political correctness.
Sicherlich gibt es wichtige kulturelle Besonderheiten und
es wäre falsch, diese Tatsache beim Tutoring völlig
zu vernachlässigen. Letztlich besteht eine Lerngemeinschaft
aber immer aus Individuen und nicht aus kulturellen Gruppen.