"Unterstützung
Online-Lernender beim selbstgesteuerten Lernen"
Online
Tutoring Journal: Frau Dr. Cress, Sie beschäftigen
sich schon seit Jahren mit der Erforschung des selbstgesteuerten
Lernens und virtuellen Lern- und Arbeitssettings. Ist nicht
eigentlich jedes Lernen selbstgesteuert? Oder trifft dies
in besonderem Maße auf virtuelle Settings zu?
Dr. Ulrike Cress:Sie haben Recht, jedes
Lernen hat einen Anteil an Selbststeuerung. Bei virtuellen
Settings ist dieser Anteil allerdings häufig besonders
hoch. In einer Präsenzveranstaltung ist durch die Anwesenheit
des Dozenten und die der anderen Mitlerner ein gewisses Ausmaß
an Kontrolle gegeben, im virtuellen Settings fehlt das häufig.
Hier kann die Gefahr bestehen, dass sich Lerner nicht aktiv
am Geschehen beteiligen.
Online
Tutoring Journal: Welche
Methoden und Werkzeuge sollten aus Ihrer Sicht sinnvollerweise
zum Einsatz kommen?
Dr. Ulrike
Cress: Der Lernende muss wissen: Was wird im Kurs
verlangt, wann soll welche Aufgabe erledigt werden und welche
Ressourcen stehen ihm dazu zur Verfügung. Er muss wissen,
wo er technischen Support erhält, und wohin er sich mit
inhaltlichen Fragen wenden kann.
Hilfreich ist es, dem Lernenden den Austausch mit anderen
zu ermöglichen, z.B. über ein Forum, Email-Listen
oder Weblogs. (Letztere eigenen sich auch für das Führen
von individuellen Lerntagebüchern.) Noch besser ist es,
einen Kurs bereits didaktisch so anzulegen, dass Gruppenarbeit
eingeplant ist, und dass die Lernenden etwas gemeinsam entwickeln
müssen.
Online Tutoring
Journal: Mit welchen
Strategien können Online-Lernende darüber hinaus
beim selbstorganisierten Lernen unterstützt werden?
Dr. Ulrike Cress:Wichtig
ist es, den Lernprozess zu strukturieren und klare Aufgaben
zu stellen, die herausfordernd sind. Gerade in virtuellen
Settings sind darüber hinaus Fragen zur Selbstkontrolle
hilfreich, die dem Lernenden ein direktes Feedback über
seinen Leistungsstand ermöglichen.
Und schließlich sind Lernkooperationen sinnvoll. Gerade
in virtuellen Settings profitieren Personen von einer gut
angelegten Gruppenarbeit. Dazu sollten z.B. die Gruppenmitglieder
oder Partner in wechselnden Rollen unterschiedliche Zuständigkeiten
für den Lern-/Arbeitsprozess bekommen.
Online Tutoring
Journal: Welche Rolle
kann ein menschlicher Begleiter (z.B. Dozent, Teletutor)
dabei einnehmen? Kann die Unterstützerrolle auch vom
Computer oder einem Avatar übernommen werden?
Dr. Ulrike Cress: Eine
automatisierte Unterstützung ist nur in Einzelfällen
möglich, z.B. bei der Rückmeldung von Leistungsergebnissen
in einem Multiple-Choice-Test, bei der Zuteilung zu Lerngruppen,
oder bei der Strukturierung der Gruppenarbeit. Menschliche
Begleiter sind notwendig, wenn es darum geht zu motivieren,
Gruppenarbeit zu stimulieren und inhaltliche Anregungen
zu geben.
Online Tutoring
Journal: Welche Lerntypen
gibt es und wie können diese individuell unterstützt
werden? Gibt es hinsichtlich der Kompetenz, selbstgesteuert
zu lernen, Unterschiede zwischen den verschiedenen Lerntypen?
Dr. Ulrike Cress: Es
gibt Personen, die sehr gut und effektiv selbstgesteuert
lernen können. Diese können in allen Umgebungen
lernen, d.h. sie bedürfen nur wenig Hilfe von außen.
Anders ist das bei den weniger kompetenten Lernern. Das
sind Personen, die häufig wenig motiviert sind, unangemessene
Lernstrategien verwenden, und häufig negative Lernerfahrungen
machen. Gerade diese Lerntypen tun sich mit Lernumgebungen
schwer, die eine hohe Selbststeuerungsfähigkeit verlangen.
Sie benötigen eine klare Strukturierung und frühzeitige
Lernkontrollen.
Online Tutoring
Journal: Vielen Dank für dieses interessante
Gespräch, Frau Dr. Cress!