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Thanh-Thu Phan Tan/Michaela Krey:

Vom Selbstlerner zur Lerngemeinschaft: Aha-Erlebnisse auf der Lernplattform (2)

Ein Weiterbildungsangebot für diese Zielgruppe muss also diese besonderen Voraussetzungen und voneinander abweichenden Erfahrungshintergründe der Adressaten berücksichtigen. Folglich kann nur ein Workshopkonzept attraktiv sein, welches zeitlich und inhaltlich flexibel, als auch höchst effektiv und individuell auf die praxisbezogenen Anliegen der Teilnehmenden eingehen kann.

Das gewisse „Etwas“ an den Onlineszenarien

Da Präsenz-Workshops in der Regel ein bis zwei Tage dauern, konzentriert sich der Wissenserwerb allein auf diesen Zeitraum. Anders ist es in den Online-Workshops: Die Lernphase erstreckt sich über einen Zeitraum von bis zu acht Wochen. Die Teilnehmenden haben damit deutlich mehr Zeit und Gelegenheit, Informationen für sich und im Austausch mit anderen abzuwägen und auf ihre Praxisrelevanz hin zu überprüfen. Weitere Vorteile des Online-Settings seien hier noch einmal hervorgehoben:
Die Teilnehmenden können sich in vertrauter Lernform individuell und selbst organisiert, mit dem Lernstoff auf der Lernplattform (Informationstexte, Filme, Checklisten und weiterführende Links) auseinandersetzen. Einige der Teilnehmenden berichteten davon, dass Sie neben den didaktischen Workshopthemen großes Interesse hatten, sich selbst als Teilnehmer in einem Online-Workshop zu erleben, um so die Grundwerkzeuge des E-Learnings aus Lernersicht kennen zu lernen.
Der wohl größte Pluspunkt unserer Onlinesettings gegenüber den zweitägigen Präsenzworkshops ist die Dauer der Workshops und die damit einhergehende Transferbegleitung. Die Teilnehmenden konnten z.B. Methoden oder Arbeitstechniken, die sie neu entdeckt hatten, noch während der Workshopzeit erproben und ihre Erfahrungen im Forum oder in ihren Lerntagebüchern veröffentlichen. Auf Fragen, die zum Umgang mit problematischen Lehrsituationen oder z. B. zum Umgang mit neuen Methoden gestellt wurden, folgten zahlreiche Impulse, Tipps und Hilfestellungen, welche die Teilnehmenden begeisterten. Diese Aha-Erlebnisse, im Zuge der schriftlichen Dialoge zu „echten“ Anliegen, erwiesen sich als äußerst effektiv und wurden eine starke Antriebsfeder für die verbindliche Aktivität auf der Lernplattform.
Wir haben erlebt, dass es möglich ist, diese Aha-Erlebnisse zu verstärken, indem kollegiale Lernprozesse initiiert wurden, damit die einzelnen Teilnehmenden trotz räumlicher Distanz zu einer Lerngemeinschaft zusammenwachsen konnten.

Aha-Erlebnisse im Lerntagebuch und im Forum

In den Lerntagebüchern haben die Teilnehmenden beispielsweise aktuelle Lernprozesse beschrieben und reflektiert. Eine Teilnehmerin des Workshops „Lehre planen und gestalten“ berichtete über ihre Fortschritte in einer aktuellen Lehrveranstaltung. Dazu hielt sie jeden Einzeltermin fest und zog ein Resümee zum Ablauf der Veranstaltung:

05.11.07 09:00: Gleich halte ich eine Vorlesung (7. Semester, 90 min.). Dieses Mal habe ich nicht nur Folien (…) fertiggestellt, auf denen nur wenig Text ist, sondern habe Lernziele formuliert – und auf einer Folie relativ zu Beginn zusammengestellt. Außerdem habe ich vor, zunächst zu sammeln, was die Leute schon wissen (…). Und ich habe mehr und kürzere Zusammenfassungen eingebaut.

05.11.07 11:15: danach Resümee, Eindrücke direkt nach der Vorlesung (…) Die Lernziele am Anfang zu nennen, fanden die Leute offenbar überraschend, haben dann aber eifrig „abgepinselt“ und insgesamt während der ganzen Vorlesung zugehört - besonders, wenn ich etwas gesagt habe, was direkt zu den Zielen gepasst hat. (…)

Auf ihre Auswertungen aufbauend stellte sich die Teilnehmerin im Lerntagebuch jeweils eine Optimierungsaufgabe für die nächste Stunde. Die Dozentinnen wie auch die Teilnehmenden konnten den Verlauf mitverfolgen und der Verfasserin Anregungen für die nächsten Schritte geben.
Mit ihren Einträgen im Lerntagebuch äußerten sich die Teilnehmenden sowohl spontan und unzensiert als auch reflektiert und analytisch auf einer Metaebene.

Abbildung 2: Kollegialer Austausch im Wiki-Lerntagebuch „meine Seite“

Neben Beschreibungen, welche Aufgaben mit welchen Ergebnissen bearbeitet wurden, fanden sich gelegentlich Äußerungen, die die Inhalte und Arbeitsaufträge selbst bewerteten. Dabei wurde – zum Teil vor dem Hintergrund einer Rekapitulation eigener Erfahrungen – die Relevanz der thematischen Inputs eingestuft, und die Teilnehmenden beleuchteten die für sie besonders wichtigen Aspekte (Anm.: Die Textbeispiele stammen aus Lerntagebüchern von Teilnehmenden. Zur Verbesserung der Lesbarkeit wurden Tippfehler korrigiert.):

17.06.2008 „(…) Studierende Informieren: Mir ist ein Licht aufgegangen, wie wichtig dieses Thema in Bezug auf Chancengleichheit ist! Als Student wurden mit mir nur wenige Inhalte vorher besprochen. Meist gab es zum Glück Prüfungsprotokolle von anderen Studierenden!“

Bemerkenswert in Hinblick auf das eigene Lehrverhalten sind im Lerntagebuch Äußerungen, die aufzeigen, wie die in der Lehrveranstaltung bereitgestellten Informationen verarbeitet wurden, wie ein anderes Beispiel zeigt:

01.07.08 „(…) Vor allem ist mir bei den Filmsequenzen aufgefallen, wie wichtig es ist, dass ich als Prüfer meine Wortwahl reflektiere. (…) Da muss ich aufpassen, dass ich ihnen nicht durch meine Wortwahl die Möglichkeit zur Fehlinterpretation gebe und sie auf diesem Wege verunsichere. (…)

Während im Lerntagebuch die Selbstreflexion und das Feedback einzelner Teilnehmer im Mittelpunkt stand, rückte im Forum der schriftliche, kollegiale Austausch von mehreren Teilnehmern in den Vordergrund. Initiiert wurde dieser Austausch beispielsweise durch Impulsfragen durch die Dozentinnen in Verknüpfung mit Arbeitsaufträgen oder durch das Aufgreifen von reizvollen Themen aus Lerntagebüchern und Arbeitsergebnissen. Hierfür wurden nicht eigens Methoden entwickelt. Der kollegiale Austausch entstand aus dem kollaborativen Lernprozess heraus: Die Teilnehmenden stellten Schlüsselfragen ins Forum und luden andere ein, Antworten und Feedback zu geben. Dabei wurden z.B. Methoden diskutiert, ihre Vor- und Nachteile im konkreten Lehrzusammenhang beleuchtet oder Lösungen für schwierige Situationen gesucht. Im Workshop „Lehre planen und gestalten“ stellte eine Teilnehmerin beispielsweise die Frage, welche Erfahrungen die Kolleginnen und Kollegen mit dem Feedback Studierender untereinander hätten. Als Reaktion wurde über einen Zeitraum von etwa drei Wochen eine Reihe von Berichten verfasst. Durch diese Beiträge der Teilnehmenden bzw. Dozentinnen entstand ein beachtlicher Ideenpool an Feedbackmethoden.

- Lesen Sie weiter auf S. 3-

2
Online Tutoring Journal, Ausgabe 1(12), April 2009, Phan Tan/Krey:Vom Selbstlerner zur Lerngemeinschaft, S. 2. 

Thema der aktuellen Ausgabe: "Stolpersteine und Hürden beim Online-Lernen"

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