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Experteninterview mit Lore Reß (Daten+Dokumentation GmbH):

"Live-E-Learning im virtuellen Klassenzimmer"

Online Tutoring Journal: Frau Reß, Sie werden häufig als Pionierin des Live-E-Learning in Deutschland bezeichnet, da Sie eine der ersten Trainerinnen waren, die Live-Sessions im virtuellen Raum angeboten haben. Was haben Live-Online-Trainings überhaupt noch mit klassischem E-Learning gemeinsam? Ähnelt eine Session im virtuellen Klassenzimmer nicht eher einem Präsenzseminar? Wo liegen Gemeinsamkeiten, worin bestehen die Unterschiede?

Lore Reß: Was heißt schon klassisches E-Learning? E-Learning ist für mich ein Begriff, unter welchen alle möglichen Werkzeuge wie VC, Chat, Forum, Blog, Wiki etc. eingeordnet werden und auch alle Methoden wie synchrones oder asynchones Lernen. Live-Online-Lernen ist ein Teil des E-Learning. Live-Online-Sessions vereinen positive und negative Aspekte des Präsenzlernens und des E-Learning. Vorteil ist, dass alle miteinander sprechen können, also ein direkter Austausch möglich ist, Nachteil ist, dass wir uns dazu zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenfinden müssen. Ich bin zwar örtlich ungebunden, aber ich muss immer noch einen gemeinsamen Termin finden. Dies sind auch schon die Gemeinsamkeiten mit Präsenzseminaren. Wir können zwar sehen, was der Referent an die Tafel schreibt, bzw. die Moderatorin per „Beamer“ zeigt, und wenn Webcams eingesetzt werden, ist auch ein eingeschränktes Sehen möglich. Dadurch entsteht aber noch kein Blickkontakt und ein „auf die Schulter klopfen“ ist auch nicht möglich. Daher müssen andere Wege bei der Kommunikation beschritten werden. Eine Umfrage, die ich im Präsenzseminar über Handheben durchführe, werde ich im VC per Umfragefunktion (auch Polling genannt) oder über Rückmelde- bzw. Feedbacksymbole durchführen. Das heißt, ich muss für viele "alltägliche Dinge" bestimmte Werkzeuge einsetzen. Wie diese Werkzeuge im Einzelnen funktionieren, hängt von dem eingesetzten System ab. Was zur Folge hat, dass der Fluss der Kommunikation anhängig vom System ist. Beispiel: Können mehrere Teilnehmer gleichzeitig sprechen oder muss die Sprecherlaubnis explizit weitergereicht werden. Hier fangen die Unterschiede an, die zum einen allgemeingültige Dinge beinhalten wie die Fragetechnik und auch spezielle systemabhängige Faktoren.

Online Tutoring Journal: Gibt es Ihrer Erfahrung nach bestimmte Personengruppen, die sich mit dieser Art des Trainings besonders leicht oder besonders schwer tun? Ist nach Ihren Beobachtungen viel Vorerfahrung im E-Learning-Bereich vonnöten oder eher nicht?

Lore Reß: Ich kann nach meinen Erfahrungen keine spezielle Personengruppe identifizieren, die in die eine oder andere Richtung tendiert. Ich habe Rentner kennengelernt, die hochgradig begeistert im VC gearbeitet haben und im Gegenzug agile Manager, die mit dem VC gar nicht zurechtgekommen sind und stattdessen Telefonkonferenzen vorgezogen haben - was ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ob Erfahrungen mit dem Lernen anhand von WBTs oder anderen Formen vorliegen, ist für das Arbeiten im VC uninteressant. Eventuell sind sogar einige spontan von dieser Form des E-Learning begeistert, die schlechte Erfahrungen mit einem WBT/CBT gemacht haben. Ich sehe im Augenblick allerdings eine Gefahr, dass Teilnehmer, die nur den VC kennen, dies als alleinige Form des E-Learning ansehen. Umgekehrt gilt dies aber auch, ich habe mit Personen gesprochen, die mit Hilfe eines WBT gelernt haben und für die selbstverständlich E-Learning mit WBT gleichgesetzt wird.

Online Tutoring Journal: Benötigt man Ihrer Ansicht nach eine spezielle Didaktik und Methodik des virtuellen Klassenzimmers oder ist eine gute Session nichts anderes als der gekonnte und kreative Umgang mit der vorhandenen Technik und den zur Verfügung stehenden Werkzeugen? Falls ja, wie sieht eine spezielle Didaktik des VC aus?

Lore Reß: Das mit der besonderen Didaktik und Methodik ist so eine Sache. Es gibt "Do’s and Don’ts" und ich muss als Trainerin bzw. Kursentwicklerin kreativ mit den Werkzeugen umgehen. Ausgerichtet wird dies alles am Lernziel und an der Zielgruppe. Für mich mit am Wichtigsten ist die Einbeziehung der Teilnehmer und damit das Vermeiden von Vorträgen. Maßnahmen, bei denen 50 Personen im VC drei Stunden lang „beschallt“ werden, sind für mich kein Beispiel gelungenen Lernens im VC. Da würde ich eine andere Vorgehensweise empfehlen.

Online Tutoring Journal: Wie haben Sie selbst eigentlich das Unterrichten im virtuellen Klassenzimmer gelernt?

Lore Reß: Als ich im Jahre 2000 mit der Moderation im VC begann, gab es nur wenige Gleichgesinnte. Ich habe mir das meiste selbst angeeignet und bin relativ früh auf Jennifer Hofmann gestoßen, die amerikanische Pionierin im VC, die bereits 2001 ein Buch dazu veröffentlicht hat : "The Synchronous Trainer´s Survival Guide". Dies hat mir so gut gefallen, dass ich Kontakt zu ihr aufgenommen habe, das Buch übersetzt und in deutscher Sprache veröffentlicht habe. Hierzu ist inzwischen eine zweite Version erschienen mit vielen Beispielen zu Interaktionen im VC.

Online Tutoring Journal: Heute qualifizieren Sie selbst Moderatoren und Trainer für das virtuelle Klassenzimmer. Wie viele Live Online Trainer gibt es schätzungsweise in Deutschland momentan und wie schätzen Sie den zukünftigen Bedarf ein?

Lore Reß: Inzwischen gibt es schon viele Trainerinnen und Trainer, die Live-Online-Sitzungen durchführen. Ich bin sicher, dass der Bedarf aber steigen wird, da doch noch verhältnismäßig wenige Unternehmen den virtuellen Seminarraum für Schulungen einsetzen und auch offene Seminare im VC noch relativ selten sind. In vielen Unternehmen wird allerdings die gezielte Ausbildung der Trainerinnen und Trainer dafür unterschätzt und dadurch viele Möglichkeiten, die der VC bietet, nicht ausgenutzt – aber daran arbeiten wir. Ich habe den Kurs zur Online-Moderation überarbeitet und biete nun zusammen mit Silvia Luber und Christiane Manthey das Seminar „Certified Live Online Trainer“ an. Dieses umfasst 6 Online-Sessions á 1,5 h mit vielen Möglichkeiten für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Moderation zu üben. Abgeschlossen wird der Kurs mit einer Abschlussprüfung, die aus einer Online-Moderations-Sequenz vor den Prüferinnen und natürlich den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besteht. [Kursinfos unter: Link]

Online Tutoring Journal: Wenn Sie ein Resumee ziehen sollten: wo liegen insgesamt betrachtet die Vorteile eines Trainings im VC und worin sehen Sie Nachteile?

Lore Reß: Ich sehe natürlich nur Vorteile ;-) !
Wenn wir über Nachteile sprechen wollen, dann muss ich natürlich definieren gegenüber welcher anderen Methode. Nehmen wir das Präsenzseminar, dann ist der Nachteil der fehlende Blickkontakt und die Abhängigkeit von der Technik. Denn bei einer Live-Session muss die Internetverbindung zu diesem Zeitpunkt „stehen“, darf ein PC nicht abstürzen oder das Mikrofon ausfallen. Dies sind natürlich auch die Herausforderungen an die Trainerinnen und Trainer: solche Situationen mit Bravour zu meistern.

Online Tutoring Journal: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch, Frau Reß!

Thema der aktuellen Ausgabe: "Methodik und Didaktik des Live-E-Learning im Virtuellen Klassenzimmer"

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Online Tutoring Journal, Ausgabe 1 (4), Januar 2007, Experteninterview mit Lore Reß