Online
Tutoring Journal: Das gemeinsame länder- und
kulturübergreifende Lernen im virtuellen Raum stellt
spezifische und hohe Anforderungen an die teletutorielle Betreuung.
Welche Möglichkeiten haben Sie bei einem Live-Online-Training,
das Verständnis der Materie zu erhöhen und den Kommunikationsprozess
der Gruppe zu unterstützen?
Matthias Rückel: Die
gemeinsame Sprache „Englisch“ ist in der Regel
kein Problem, fast alle Teilnehmer sprechen (leidlich) Englisch.
In einem internationalen Live Online Training sind die wenigsten
Teilnehmer Englisch-Nativespeaker. Deshalb ist der Umgang
miteinander ziemlich tolerant.
Die Qualität der Audioübertragung ist aus diesem
Grund auch das wichtigste technische Kriterium für ein
positives Erfahren, und ist je nach Hardwareausstattung der
Teilnehmer und Verbindung sehr unterschiedlich. Gegenüber
einer klassischen Telefonkonferenz gibt es im virtuellen Klassenraum
natürlich unschlagbare Vorteile: Bei Verständnisproblemen
können Sie spontan mit Hilfe des Whiteboards Skizzen
anfertigen oder Bilder zur Visualisierung hochladen. Darüber
hinaus können Ressourcen des Internets z. B. Webseiten,
Übersetzungsprogramme etc. kurzfristig eingebunden werden.
Ein Beispiel: Bei der Vorbereitung der letzten LEARNTEC habe
ich mit internationalen Partnern den Standbau geplant. Einige
messebauliche Fachbegriffe kannte ich nicht. Nachdem ich aber
eine Konzeptskizze des Messestandes in den virtuellen Besprechungsraum
geladen hatte und alle diese vor Augen hatten, lief alles
wie 'geschmiert'.
Die eigentliche Herausforderung bei Live Online Trainings
liegt in der unterschiedlichen kulturellen Interpretation
des Gesagten bzw. der Handlungen. Das direkte Ansprechen von
Schwierigkeiten, die Verbindlichkeit von Absprachen und Terminen,
ob die Teilnehmer eher sachbezogen oder beziehungsorientiert
kommunizieren. Wenn ich in ein Land reise, kann ich mich vorher
vorbereiten. Bei einem internationalen Live Online Training
ist mir der Kulturkreis der Teilnehmer vorher nicht immer
bekannt.
Online Tutoring
Journal: Mit welchen
Überraschungen muss man beim Live-Online-Training interkultureller
Gruppen rechnen? Wie kann sich ein Live-Online-Trainer darauf
vorbereiten?
Matthias Rückel:Eine
Kollegin aus München erlebte letztes Jahr eine nette
Überraschung bei einem Live Online Training für
ein internationales europäisches Unternehmen. Das Live
Online Training war im konzerninternen Bildungskatalog ausgeschrieben.
Jeder Mitarbeiter des Unternehmens kann sich dort anmelden
und teilnehmen. Im Live Online Training stellte sich heraus,
dass ausschließlich Mitarbeiter aus Indien teilnahmen.
Eine Münchnerin und zehn indische Teilnehmer! In solchen
Situationen verschiebt sich die innere Landkarte der Welt.
Auf einmal ist Europa nicht mehr das Zentrum, sondern nur
eine Randerscheinung. Ich glaube, ein Trainer kann sich
nur bedingt und sehr allgemein auf solche Situationen vorbereiten.
Meetings vor Ort finden in einem bestimmten Kulturkreis
statt. Deshalb können sich Teilnehmer (oder der Trainer)
im Vorfeld auf die dortige Kultur einstellen. Bei Live Online
Meetings bleibt jeder in seinem Kulturkreis und alle treffen
im Internet aufeinander. Da hilft kein länderspezifischer
Leitfaden mehr. Hier ist eine offene Einstellung gegenüber
Neuem und Spontanität notwendig.
Ein Live-Online-Trainer kann beim Start einer Session bei
den Teilnehmern ein Gefühl für die besondere Situation
schaffen. Ein beliebtes Mittel ist eine Weltkarte, in der
die Teilnehmer Ihren Standort und Ihren Namen eintragen,
dazu ein Willkommensgruß in der Muttersprache. Damit
wird schon einmal die Sensibilität für das Besondere
der Situation erhöht. An dem Szenario wird auch deutlich,
wie wichtig es ist, als Live Online Trainer die Software,
die fachlichen Inhalte und die didaktischen Besonderheiten
wirklich zu beherrschen und nicht nur zu kennen. Erst auf
einem stabilen Fundament sind solche Situationen zu meistern.
Die Übertragung eines Videobildes des Sprechers hilft
bei der Interpretation des gesprochenen Wortes, da Teile
der Körpersprache mit übertragen werden. T-Online
führt für die Kommunikation mit seinen osteuropäischen
Partnern ein System mit einer guten Bildübertragung
ein. Es wird nicht mehr lange dauern, bis solche Bandbreiten
flächendeckend in Deutschland verfügbar sind.
Viele asiatische Länder sind da schon viel weiter.
Das Beispiel der Kollegin ist aber auch ein wenig zu relativieren.
Wir stehen hier am Anfang einer Entwicklung, globale Live
Online Trainings sind noch nicht der Alltag. Internationale
Live Online Trainings innerhalb eines Kontinents aber sehr
wohl. Große internationale Konzerne sind neben innovativen
Netzwerken von