Experteninterview mit Uwe
Weinreich
(SMS-Coaching)
"Mobile Learning - Definition und Anforderungen an
Trainer und Teletutoren" (2)
Online
Tutoring Journal: Werden aus Ihrer Sicht langfristig
andere Medien und mediale Lernangebote durch mobile Lernszenarien
verdrängt oder gehen Sie von einem reinen Anreicherungseffekt
aus?
Uwe Weinreich (SMS-Coaching):Da ist schwer zu sagen.
Bücher wird es immer geben. Auch Präsenzseminare.
Keine Technik kann den direkten Kontakt zu einem wirklich
guten Lehrer oder Trainer ersetzen. Bildung ist mehr als Wissen!
Genauso hat sich eLearning fest etabliert. Ich glaube also,
dass es eine Anreicherung sein wird. Wenn bestimmte Lernangebote
weg fallen, dann deshalb, weil Lernende und vielleicht auch
Lehrende sie nicht mehr als hilfreich erleben. Ich habe in
der Schule noch den Umgang mit dem Rechenschieber gelernt.
Der ist mittlerweile völlig überflüssig geworden,
da Taschenrechner die selben Aufgaben präziser und manchmal
auch schneller erledigen können. Nicht verändert
hat sich aber die Notwendigkeit, dass Menschen rechnen können
müssen, und dass sie dazu Hilfsmittel verwenden. Genauso
wird es sich auch im Bereich der Lernszenarien entwickeln.
Das eine oder andere wird wegfallen, aber es wird nicht weh
tun, da es sowieso niemand mehr wirklich braucht und es durch
andere Medien ersetzt wurde.
Online
Tutoring Journal: Für
welche Bereiche und Themen eignet sich mobiles Lernen? Gibt
es aus Ihrer Erfahrung auch absolut ungeeignete Bereiche?
Uwe Weinreich (SMS-Coaching):
Oh ja, es gibt durchaus Bereiche, die für
rein mobiles Lernen nicht geeignet sind. Sie sind dann übrigens
auch nicht für reines eLearning geeignet. Es sind alle
jene Inhalte, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern eine
Persönlichkeit formen. Wenn Sie’s lieber neudeutsch
mögen, nennen Sie sie "Softskills". Immer
dann, wenn Grundhaltungen, Rollenmodelle und Ethik mit vermittelt
werden müssen, ist der direkte menschliche Kontakt
wesentlich wirksamer als jede Technik. Wir werden in den
nächsten 10 Jahren sehen, wie die Entwicklung immer
weiter in Richtung technischer Vermittlung von Wissen und
teilweise auch Softskills geht. Aber neben dieser Entwicklung
wird sich ein Markt absolut hochwertiger persönlichkeitsformender
Trainings mit exzellenten Trainern entwickeln. Ich sehe
da eine gewisse Spaltung auf uns zu kommen.
* 1961
Diplom-Psychologe
1989-1991 Projektleiter an der Universität Oldenburg
(Forschungsprojekt Organisationsentwicklung)
seit 1991 freiberuflicher Trainer und Berater
seit 1999 Geschäftsführer der Weinreich
Unternehmensberatung GmbH
seit 2003 Anbieter von SMS-Coaching
Im Moment gibt es mehr, vielleicht zuviel Mischmasch: zu wenig
elaborierte Konzepte für medial gestütztes Lernen
und zu halbherzige persönlichkeitsformende Trainings.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Der derzeitige Coachingboom
zeigt aber schon, dass die Entwicklung weiter gehen wird.
Online Tutoring
Journal: Wie teuer
ist mobiles Lernen? Welche Kosten kommen auf die Teilnehmer
zu und welche auf die Anbieter?
Uwe Weinreich (SMS-Coaching):
Das ist sehr unterschiedlich. Ich würde die
Kosten für die Endgeräte gerne übergehen,
da man fast davon ausgehen kann, dass jeder zumindest ein
Mobiltelefon hat. Wenn wir über SMS-Coaching sprechen,
so bleiben am Nutzer derzeit Kosten von etwa einem Euro
pro Woche hängen. Das sollte bezahlbar sein. Wenn,
wie in anderen Konzepten, kleine Javaprogramme auf das Mobiltelefon
geladen werden, kommt es darauf an, wie sie verteilt werden.
Erhält man sie per eMail oder CD und lädt sie
über den Computer, kann das kostenlos geschehen. Ein
Direktdownload kostet je nach Tarif zwischen einem und fünf
Euro. Dann kommen natürlich noch Kosten für die
Erstellung des jeweiligen Mobile Learning Modules und Lizenzgebühren
dazu. Die trägt – zumindest im Umfeld betrieblicher
Fortbildungen – das Unternehmen. In anderen Fällen
wird es so sein, dass die Downloads entsprechend teurer
werden, so wie auch ein Computerlernprogramm mehr kostet
als ein CD-Rohling.
Wenn heutzutage ein Unternehmen in mobiles Lernen einsteigen
will, ist das schon für überschaubare Beträge
zwischen fünf- und zehntausend Euro möglich. Damit
lassen sich schon ganz anständige Mobile Learning Lösungen
für eine Gruppe von etwa 50 Personen realisieren. Wenn
mehr Teilnehmer dazu kommen, steigen die Kosten nur noch
um relativ geringe Lizenzgebühren. Es gibt aber auch
ausgefeilte LCMS-Lösungen, die mobiles Lernen mit unterstützen.
Da ist die Investitionssumme natürlich weit höher.
Online Tutoring
Journal: Stichwort
"Kontrolle". Manche Lernenden könnten sich
durch SMS-Coaching kontrolliert fühlen, andere genießen
es womöglich, individuell beim Lernen unterstützt
zu werden. Gibt es aus Ihrer Sicht einen "Lerntypus",
der für mobiles Lernen besonders geeignet ist?
Uwe Weinreich (SMS-Coaching):
Erstaunlicherweise nein. Ich hätte als Psychologe
vorher schon gedacht, dass es mehr Leute geben wird, die
SMS-Coaching ablehnen. Mittlerweile haben wir aber Projekte
mit den unterschiedlichsten Personentypen durchgeführt
und gemerkt, dass es fast jedem etwas bringen kann. Zwei
Gruppen muss man aber ausschließen: Ersten diejenigen,
die Mobiltelefone ablehnen oder sich durch ihr Handy gestresst
fühlen, und jene, die sowieso jeden Tag zuviel Arbeit
auf dem Schreibtisch haben. Ihnen würde SMS-Coaching
zwar auch helfen, aber sie haben keine Chance es wirklich
adäquat zu nutzen.
Online Tutoring
Journal: Herr Weinreich,
vielen Dank für dieses interessante Gespräch und
weiterhin viel Erfolg!