"Email-Coaching
– nur neuer Wein in alten Schläuchen?"
Abstract:
Die Autorin beschreibt, wie sie in Folge eines konkreten Auftrags
ein E-Mail-Coaching-Angebot entwickelt hat.
Manchmal habe ich das Gefühl,
dass sich langsam aber sicher das ganze Leben ins Internet
verlagert: Vom Chat-Treffen mit Freunden, die man noch nie
gesehen hat über die Partnersuche, viele Universitäten
haben virtuelle Kursräume, und meine Nichte konnte ein
halbes Jahr bei einer befreundeten Familie in Australien verbringen
und die Hausaufgaben und Klassenarbeiten doch per Email an
ihrer heimatlichen Schule mitschreiben. Ich kenne natürlich
auch die Angebote des Online-Lernens ... eine feine Sache!
Diese Vermittlungs-/Lernform passt nur nicht zu meiner Arbeitsweise,
meinen Kompetenzen, nicht zu meiner Zielgruppe, nicht zu meinen
Konzepten ... dachte ich zumindest bislang.
Vor einem Jahr mailte mir
eine langjährige Bekannte wieder einmal, sie bräuchte
nun wirklich meine Unterstützung: im Job wäre das
Chaos ausgebrochen, in der Beziehung war ein Vertrauensbruch
aufgetreten und das restliche Privatleben wäre auch nicht
viel wert! So weit, so gut – doch nach Paderborn bzw.
zu mir zu kommen für mehrere Coachings in Folge, das
sei ausgeschlossen, da sie inzwischen in der südlichsten
Ecke Deutschlands arbeitet und lebt. Und wir verabredeten,
Coaching über Mail zu probieren - das ist jetzt ca. 1
Jahr her. Und damals machte ich mich gleich an das Konzipieren
...
Die Begleitung von Menschen in Veränderungsprozessen
habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft begonnen, als Assistentin
eines Professors weiter betrieben, und bin dann als Trainerin
und Moderatorin auf das Konzept des Coachings aufmerksam geworden.
Aber in meinen Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und
Teamentwicklung empfand ich eher eine Aversion gegen die Virtualität
des Internets. Jetzt stellte sich mir die konkrete Aufgabe,
einen reellen Menschen über den virtuellen Raum mit Inhalten
zu versorgen, so dass eine konkrete Veränderung der Situation
spürbar im wirklichen Leben stattfinden konnte.
Auf welche Grundlagen
setzte ich auf?
Das Anliegen meiner Kundin war ja „Veränderungsmanagement“
der gesamten Lebenssituation – und da habe ich rein
fachlich in sehr verschiedene Trickkisten gegriffen: Hypnose
(Sprachmuster), BWL (Veränderung, Strategie, ...), NLP
(Timeline-Coaching) und Typenpsychologie (Persönlichkeitstypen
mit Denkmustern, Motivatoren etc.). Da meine Kundin auch gleichzeitig
eine alte Bekannte war, musste es anfangs auch nicht ganz
so perfekt sein und ich bekam gutes Feedback, anhand dessen
ich nachbesserte und ihr die neue Version nochmals zuschickte
– das war ein Luxus, den ich mir auch in meinen Lehraufträgen
immer wieder einmal leiste, wenn ich Neues ausprobieren möchte.
Wie ist das Konzept meiner Email-Coachings?
Ok, ich bestelle immer wieder viele sogenannte Email-Coachings,
und das seit Jahren – die Titel klingen ja auch manchmal
zu verlockend und versprechen schöne Dinge! Aber es
drängte sich mir ein ums andere Mal der Schluss auf,
dass meist Lehrbriefe der alten Schule entwickelt wurden.
Genauso gut hätte ich auch ein Lehrbuch kaufen können
und die einzelnen Kapitel in meinen Kalender aufteilen können.
Da hatte ich schon höhere Erwartungen –und meine
Kundin, die mich ja kannte, natürlich auch. ;-]
Also war ein eigenes Format gefordert! Wie verändern
Menschen Ihre Einstellungen und damit Ihr Verhalten und
gelangen so von einer individuell als schmerzlich empfundenen
Ist-Situation zu einer erwünschten und auch als ökologisch
geprüften Ziel-Situation? Das ist ja das Fundament
jedes ordentlichen Coachings! Doch die Schwierigkeit besteht
daran, diesen Prozess in ein indirektes Medium zu übertragen
– zeitlich asynchron, indirekter Kontakt, keine Feedbackschlaufen,
... Und ich bin mir sicher, dass selbst Milton H. Erickson
hier erst einmal hätte nachdenken müssen! Genau
dieser Gedanke brachte mich dann auch auf die kreative Lösung:
Wenn wir auf eine Situation stoßen, die anders ist
und aus diesem Grund ein Problem beinhaltet, dann können
wir doch gerade diese Andersartigkeit nutzen – anders
ausgedrückt: Wenn Du ein Problem nicht lösen kannst,
dann mache aus der Not eine Tugend!
Was ist denn so anders an einem Korrespondenz-Coaching?
Der Leser kann seinen Lesefluss selbst bestimmen,
er kann unterbrechen,
er kann unbemerkt vom Coach Absätze überspringen,
er kann unbemerkt vom Coach unaufmerksam sein,
er kann unbemerkt vom Coach gerade im Moment ein anderes
Problem wälzen,
er kann unbemerkt vom Coach unmotiviert oder mit einer psychologischen
Umkehrung ... sein und an die Aufgabe herangehen.
Das sind die Risiken, so weit, so schlecht.
Und wie macht man daraus eine Tugend?
Mein Konzept ist:
1. Benutze Wortwahl, Grammatik und Sprachebene, um den Leser
zwischen assoziiertem und dissoziierten Zustand wechseln
zu lassen.
2. Öffne über inhaltliche Wiederholungen mit unterschiedlichen
Formulierungen möglichst viele Wahrnehmungskanäle.
3. Verpacke die hypnotischen Sprachmuster in möglichst
unspezifische Parabeln, so dass der Leser in seinem eigenen
Universum verhaftet bleiben kann.
Das machen wir beim Präsenz-Coaching
auch? Klar, ja aber sicher! Nur schriftlich haben wir mehr
Möglichkeiten, da das Lesen mehr Hirnzentren anregt
als das Zuhören und ich den Leser über kleine
Tricks zwingen kann, einzelne Passagen nochmals zu lesen
– und ein Trick ist doch immer dabei ;-)