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Renate Irena Mahr:

"Email-Coaching – nur neuer Wein in alten Schläuchen?"

Abstract: Die Autorin beschreibt, wie sie in Folge eines konkreten Auftrags ein E-Mail-Coaching-Angebot entwickelt hat.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich langsam aber sicher das ganze Leben ins Internet verlagert: Vom Chat-Treffen mit Freunden, die man noch nie gesehen hat über die Partnersuche, viele Universitäten haben virtuelle Kursräume, und meine Nichte konnte ein halbes Jahr bei einer befreundeten Familie in Australien verbringen und die Hausaufgaben und Klassenarbeiten doch per Email an ihrer heimatlichen Schule mitschreiben. Ich kenne natürlich auch die Angebote des Online-Lernens ... eine feine Sache! Diese Vermittlungs-/Lernform passt nur nicht zu meiner Arbeitsweise, meinen Kompetenzen, nicht zu meiner Zielgruppe, nicht zu meinen Konzepten ... dachte ich zumindest bislang.

Vor einem Jahr mailte mir eine langjährige Bekannte wieder einmal, sie bräuchte nun wirklich meine Unterstützung: im Job wäre das Chaos ausgebrochen, in der Beziehung war ein Vertrauensbruch aufgetreten und das restliche Privatleben wäre auch nicht viel wert! So weit, so gut – doch nach Paderborn bzw. zu mir zu kommen für mehrere Coachings in Folge, das sei ausgeschlossen, da sie inzwischen in der südlichsten Ecke Deutschlands arbeitet und lebt. Und wir verabredeten, Coaching über Mail zu probieren - das ist jetzt ca. 1 Jahr her. Und damals machte ich mich gleich an das Konzipieren ...
Die Begleitung von Menschen in Veränderungsprozessen habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft begonnen, als Assistentin eines Professors weiter betrieben, und bin dann als Trainerin und Moderatorin auf das Konzept des Coachings aufmerksam geworden. Aber in meinen Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Teamentwicklung empfand ich eher eine Aversion gegen die Virtualität des Internets. Jetzt stellte sich mir die konkrete Aufgabe, einen reellen Menschen über den virtuellen Raum mit Inhalten zu versorgen, so dass eine konkrete Veränderung der Situation spürbar im wirklichen Leben stattfinden konnte.

Auf welche Grundlagen setzte ich auf?
Das Anliegen meiner Kundin war ja „Veränderungsmanagement“ der gesamten Lebenssituation – und da habe ich rein fachlich in sehr verschiedene Trickkisten gegriffen: Hypnose (Sprachmuster), BWL (Veränderung, Strategie, ...), NLP (Timeline-Coaching) und Typenpsychologie (Persönlichkeitstypen mit Denkmustern, Motivatoren etc.). Da meine Kundin auch gleichzeitig eine alte Bekannte war, musste es anfangs auch nicht ganz so perfekt sein und ich bekam gutes Feedback, anhand dessen ich nachbesserte und ihr die neue Version nochmals zuschickte – das war ein Luxus, den ich mir auch in meinen Lehraufträgen immer wieder einmal leiste, wenn ich Neues ausprobieren möchte.

Wie ist das Konzept meiner Email-Coachings?
Ok, ich bestelle immer wieder viele sogenannte Email-Coachings, und das seit Jahren – die Titel klingen ja auch manchmal zu verlockend und versprechen schöne Dinge! Aber es drängte sich mir ein ums andere Mal der Schluss auf, dass meist Lehrbriefe der alten Schule entwickelt wurden. Genauso gut hätte ich auch ein Lehrbuch kaufen können und die einzelnen Kapitel in meinen Kalender aufteilen können. Da hatte ich schon höhere Erwartungen –und meine Kundin, die mich ja kannte, natürlich auch. ;-]
Also war ein eigenes Format gefordert! Wie verändern Menschen Ihre Einstellungen und damit Ihr Verhalten und gelangen so von einer individuell als schmerzlich empfundenen Ist-Situation zu einer erwünschten und auch als ökologisch geprüften Ziel-Situation? Das ist ja das Fundament jedes ordentlichen Coachings! Doch die Schwierigkeit besteht daran, diesen Prozess in ein indirektes Medium zu übertragen – zeitlich asynchron, indirekter Kontakt, keine Feedbackschlaufen, ... Und ich bin mir sicher, dass selbst Milton H. Erickson hier erst einmal hätte nachdenken müssen! Genau dieser Gedanke brachte mich dann auch auf die kreative Lösung: Wenn wir auf eine Situation stoßen, die anders ist und aus diesem Grund ein Problem beinhaltet, dann können wir doch gerade diese Andersartigkeit nutzen – anders ausgedrückt: Wenn Du ein Problem nicht lösen kannst, dann mache aus der Not eine Tugend!
Was ist denn so anders an einem Korrespondenz-Coaching?
Der Leser kann seinen Lesefluss selbst bestimmen,
er kann unterbrechen,
er kann unbemerkt vom Coach Absätze überspringen,
er kann unbemerkt vom Coach unaufmerksam sein,
er kann unbemerkt vom Coach gerade im Moment ein anderes Problem wälzen,
er kann unbemerkt vom Coach unmotiviert oder mit einer psychologischen Umkehrung ... sein und an die Aufgabe herangehen.

Das sind die Risiken, so weit, so schlecht. Und wie macht man daraus eine Tugend?

Mein Konzept ist:
1. Benutze Wortwahl, Grammatik und Sprachebene, um den Leser zwischen assoziiertem und dissoziierten Zustand wechseln zu lassen.
2. Öffne über inhaltliche Wiederholungen mit unterschiedlichen Formulierungen möglichst viele Wahrnehmungskanäle.
3. Verpacke die hypnotischen Sprachmuster in möglichst unspezifische Parabeln, so dass der Leser in seinem eigenen Universum verhaftet bleiben kann.

Das machen wir beim Präsenz-Coaching auch? Klar, ja aber sicher! Nur schriftlich haben wir mehr Möglichkeiten, da das Lesen mehr Hirnzentren anregt als das Zuhören und ich den Leser über kleine Tricks zwingen kann, einzelne Passagen nochmals zu lesen – und ein Trick ist doch immer dabei ;-)

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Online Tutoring Journal, Ausgabe 3(6), Juli 2007, Mahr, R.I.: E-Mail-Coaching, S. 1.  

Thema der aktuellen Ausgabe: "Mobile Learning und Web 2.0"

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