"Email-Coaching
– nur neuer Wein in alten Schläuchen?" (2)
Was war das Ergebnis?
Herausgekommen ist ein Zyklus mit dem Namen: „Eigene
Ziele finden und erreichen – Schritt für Schritt“.
Das hört sich an wie jeder beliebige Seminar-Titel oder
das Coaching-Versprechen auf irgendeiner Internet-Seite eines
Anbieters. Der Inhalt ist jedoch in der Wirkweise anscheinend
sehr gut gelungen.
Über ein viertel Jahr erhielt meine Coachee wöchentlich
mindestens eine Email mit einer Aufgabe, teilweise auch mehrere
Emails mit Hinweisen, „Schmankerln“, Augenöffnern,
Geschichten um sie „am Ball zu behalten“.
Also führen 12 Aufgaben-Emails meinen Coachee von einer
Situation in eine andere.
Diese Aufgaben beginnen genauso wie bei einem „echten“
Coaching damit, dass der Coachee selbst seine Situation bewertet,
ergründet, analysiert und die guten Elemente von den
störenden Elementen trennt.
Der zweite Teil sind die psychologischen Stufen des mentalen
Veränderungsprozesses (oder auch Einstellungsänderung
genannt, Belief-Coaching) und endet mit einem Vertrag mit
sich selbst – also mit der Zieldefinition.
Nun setzt der schwierigste Teil ein: Denn wie kann ein Coach
eine Zielerreichung begleiten, die er nicht kennt? Hier kam
mir meine Zick-Zack-Laufbahn zugute: Als ausgebildeter Limbic-Coach
arbeite ich oft bei 4-Augen-Coachings über Emotionen
und Körpergefühle anstelle von konkreten Situationsbeschreibungen
– und genau das lässt sich wunderbar übertragen
in eine Lese-Hypnose.
Welches Handwerkszeug
erachte ich als das Wichtigste beim Email-Coaching?
Motivation!
Und wie erkenne ich die Motivation des einzelnen Coachees?
Das tue ich nicht! Und wenn ich es denn versuchte, wäre
die Wirkung sogar geringer und nicht etwa größer!
Denn über die Mechanismen der hypnotischen Sprachmuster
überträgt jeder Leser die Metaphern und Parabeln
in meinen Emails in sein eigenes Universum und findet so immer
passgenau die eigenen Motivatoren für seine individuelle
Motivation. Ist das nicht praktisch?
Was ist denn nun das Neue und Fortschrittliche, das
Email-Coaching darstellen kann?
Hypnose schriftlich!
Dass das funktioniert, das wissen wir alle von spannenden
Büchern, in die wir einmal versunken waren und darüber
die Zeit und die Wirklichkeit vergessen haben. Die Kunst ist,
einen Leser ohne Geschichte von seiner eigenen Situation und
seinen Möglichkeiten der Veränderung so zu faszinieren,
dass er tatsächlich seine Realität mit einer Trance
tauscht und sich so für die selbstinduzierte Veränderung
öffnet.
Welchen Schluss
ziehe ich aus meinem Experiment Email-Coaching?
Die schwierigsten Probleme bzw. Nachteile
für mich waren: Geschriebenes Wort und gesprochenes Wort
sind von ihrer psychologischen Wirkung sehr unterschiedlich
– dies setzt eine zusätzliche Qualifikation des
Coaches voraus!
Der Augenkontakt und damit unser wichtigster Sinn fehlt sowohl
für den Coach als auch für den Coachee – nur
bei relativ technischen Themen funktioniert Email-Coaching
ohne Kompetenz in Hypnose oder Limbischem Coaching!
Emails können weitergeleitet werden
und so zu Menschen gelangen, die sie in einem unpassenden
Kontext oder mit falscher Voraussetzung oder Interpretation
ausfüllen – und hinterher taugt wieder einmal
das Coaching an sich nichts, das Ansehen des Coaches nimmt
Schaden .... Also Achtung bei der Formulierung! Und meines
Erachtens ist die Individualisierung der Emails hier eine
gute Möglichkeit, dem Problem zu begegnen!
Die wichtigsten Vorteile für mich
sind:
Auch zeitversetzt ist Email-Coaching möglich, wenn
Coach und Coachee nicht zu einem zeitlichen Termin zusammenfinden.
Räumliche Entfernung, Anfahrtswege und –zeit
spielen keine Rolle und werden eingespart.
Bei schwierigen Themen kann der Coachee über einen
Zeitraum hinweg sich selbst beobachten, Verhaltensweisen
ausprobieren, Feedbacks einholen und dann seine Übung
beenden.
Auch wenn der Coach schwierige und zeitaufwendige andere
Aufgaben annimmt, kann er die Coaching-Inhalte vorbereiten
und dann nur noch für den Coachee in der Situation
anpassen.
Ein Universitäts-Dozent sagte einmal während einer
Übung: „Etwas kompliziert zu machen ist leicht!
Etwas wirklich leicht zu machen, das ist oft sehr schwer!“
– er rügte damals eine (zu) komplexe Ausführung
eines Kommilitonen.
Email-Coachings sind einfach: Emails sind einfach zu versenden
und zeitversetzt zu öffnen, Anhänge in bestimmten
Formaten sind von jederman zu öffnen, selbst Sound-Dateien
bieten ungeahnte Möglichkeiten (eingesetzt habe ich
meine Entspannungs-CD mit bilateralen Hemisphären-Stimulationen
zur Herstellung von assoziierten und dissoziierten Zuständen
bei meinen Coachees). Und Email-Coachings sind schwer: Oft
habe ich mehr als einen Tag daran gebastelt, eine einzelne
DIN A4-Seite zu erschaffen, die auch wirklich den gewünschten
Effekt auslöst!
Würde ich es wieder tun?
Oh ja, und bezeichnenderweise stoßen seither regelmäßig
Menschen auf mich als ihren Coach, für die genau dieses
Format „Prozessbegleitung zur Veränderung“
angemessen und sinnstiftend ist!
Ich tue es regelmäßig und ich bin überzeugt
davon! Probiert es doch auch einmal ... und wenn nicht jetzt,
wann dann???
Renate Irena Mahr ist eine Expertin
für Persönlichkeits- und Teamentwicklung
und zählt zu den innovativen Coaches der neuen
Generation. Ihr Schwerpunkt liegt auf der unternehmensinternen
Führungskraft- und Teamentwicklung. Auch mit
Privat-Coachings zur Führungskraftentwicklung
und Blockaden-Coachings hat sie branchenübergreifenden
Erfolg. Manager aus Top-Unternehmen und Führungskräfte
aus dem Mittelstand zählen zu ihren Kunden. In
Intensiv-Coachings begleitete sie in den letzten 6
Jahren über 500 Führungskräfte aus
unterschiedlichen Branchen in Blockadesituationen
und beim persönlichen Veränderungsmanagement.
Renate Irena Mahr ist an zwei deutschen Hochschulen
Honorardozentin für den Themenkreis Führungskraftentwicklung
und Teamentwicklung.