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Hajnalka Beck :

Möglichkeiten und Grenzen des Live-Online-Fremdsprachenunterrichts in einer virtuellen Welt

Abstract: Die Autorin schildert die Vorzüge des Fremdsprachenunterrichts in Second Life und eröffnet dem Leser dabei ganz neue Perspektiven.

Allgemeine Überlegungen

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" – schrieb Friedrich Schiller in seinem Werk „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" schon im 18. Jahrhundert, trotzdem sind die Meinungen, was den Einsatz des Spiels im Unterricht betrifft, sehr unterschiedlich – und oft negativ.

Viele Lehrer und Dozenten sehen das Spiel in einer Unterrichtssituation als Zeitverschwendung, und die ablehnende Haltung lässt sich noch stärker spüren, wenn es um den Einsatz verschiedener Computerspiele geht. Bei diesem Thema denken viele sofort an Sucht, Abhängigkeit, Entfremdung – und nur wenige denken darüber nach, was für positive Wirkungen fachdidaktisch richtig konzipierte, und in das Unterrichtsgeschehen sinnvoll eingebettete Computerspiele oder Online-Anwendungen haben könnten.

Die dreidimensionale virtuelle Welt, das oft verdammte, aber zugleich gelobte Second Life (SL), oder auf Deutsch das „Zweite Leben”, ist auf den ersten Blick auch nur ein gewöhnliches Computerspiel, das einen gefangen hält, von der realen Welt entfremdet und abhängig macht. Schaut man aber genauer hin, merkt man, dass SL viel mehr ist als ein Spielfeld. SL ist eine komplexe Kommunikations- und Interaktionsplattform, die zahlreiche Unterrichtsszenarien verwirklichen lässt, die beim traditionellen Sprachunterricht gar nicht, und im "herkömmlichen" live-online Unterricht wie z.B. in einem virtuellen Klassenzimmer nur bedingt realisierbar sind.

Der moderne live-online Sprachtrainer arbeitet mit Hilfe verschiedener Kommunikationsprogramme, Lehr- und Lernplattformen und virtueller Klassenzimmer. Diese Werkzeuge – vor allem miteinander kombiniert – ermöglichen eine vollwertige, und dem Präsenzunterricht gleichwertige Arbeit, aber man stößt sehr schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten, wenn man zum Beispiel absolute Anfänger ohne eine gemeinsame Brückensprache unterrichten möchte. Der strikt einsprachige Unterricht ist auch im normalen Klassenzimmer eine Herausforderung, in einer traditionellen virtuellen Lernumgebung stellt diese Form sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden vor eine schwere Aufgabe.

Second Life als Lehr- und Lernplattform

Wenn man die virtuelle Welt Second Life als Lehr- und Lernumgebung betrachtet, kann man die Grenzen des live-online Unterrichts ausflösen und seine Möglichkeiten erweitern. Der Lehrende kann diese Welt bei verschiedenen Unterrichtsszenarien aktiv oder passiv einsetzen.

Passiv wird die virtuelle Welt eingesetzt, wenn man die schon existierenden Einrichtungen benutzt bzw. als Schauplatz verwendet. Im Sprachunterricht hat man dafür zahlreiche Möglichkeiten. Man kann sich einfach virtuell hinsetzen und an einem Kamin gemütlich über sprachliche Phänomene reden, in einem wunderschönen Garten fremdsprachliche Gedichte analysieren oder in einem Wikingerschiff ein mittelhochdeutsches Epos vorlesen.

Erfahrungsgemäß macht es den Schülern sehr viel Spaß, berühmte deutsche Sehenswürdigkeiten, wie den Kölner Dom oder die Dresdener Gemäldegalerie, durch einen virtuellen Rundgang aus „greifbarer Nähe” kennen zu lernen.

Abb.: Der Kölner Dom von innen in Second Life

Ein leicht nachvollziehbarer weiterer Vorteil ist in dieser internationalen virtuellen Welt, dass man ganz leicht „Native Speaker” Avatare treffen kann, mit denen der Lerner in der Zielsprache kommunizieren kann. Es gibt auf diesem Gebiet schon sehr fortgeschrittene Initiativen. Eine Sprachschule im SL stellt muttersprachliche Mitarbeiter ein, die auf dem Gelände der Sprachschule in einer kleinen virtuellen Stadt und in ihren Gebäuden verschiedene, von vornherein festgelegte, Rollen spielen. So kann man beispielsweise in der Bäckerei Backwaren kaufen oder über das nächste Krankenhaus Auskunft erhalten – wie im richtigen Leben.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, „Spielt man überhaupt, wenn man sich den Kölner Dom im SL anschaut, oder wenn man mit einem Avatar auf Spanisch über das Wetter redet?” Meine Antwort auf diese Frage ist ein klares „Nein”. Diese Tätigkeiten haben mit dem Spiel genauso wenig zu tun, wie das Ansehen einer Webseite, oder das Schreiben verschiedener Beiträge in einem Chat. Der Schauplatz der Kommunikation ist zwar "eigenartig", aber die Handlung ist gewöhnlich.

Im Bezug auf das Thema Spielen und Lernen im SL verstehe ich unter dem Begriff „Spiel” etwas anderes. Ich schließe mich Michael Koenig an, der in seinem auch online zugänglichen Artikel „Nachdenken über Spiele – Ein Plädoyer für die spielerische Umgestaltung von Lernaktivitäten im Fremdsprachenunterricht” schreibt „Das Spiel soll [...] als Lernspiel verstanden werden, als kreative Übung, in der sich Aspekte von Kognition und Emotion vereinigen und die vor allem die Lernerperspektive berücksichtigt.” Nimmt man diese Definition als Grundlage, sieht man, dass viele Tätigkeiten im SL keine Spiele und auf keinen Fall Lernspiele sind. Dazu braucht man mehr als einen Spaziergang im virtuellen Frankfurt oder ein nettes Gespräch in einer virtuellen Bierstube im virtuellen München.

Benutzt man die virtuelle Welt passiv, bieten sich die Möglichkeiten des Rollenspiels, Situationsspiels und Planspiels an – also die Möglichkeiten des Spiels „durch Sprache”. Diese Spiele müssen – genauso, wie beim traditionellen Unterricht im Klassenzimmer - gründlich vorbereitet werden und den Ablauf soll ggf. der Lehrer kontrollieren. Diese Spielformen können sowohl den traditionellen Unterricht im Klassenzimmer als auch den live-online Unterricht sinnvoll ergänzen. Es ist etwas ganz anderes, im Klassenzimmer die Situation „Beim Arzt” zu spielen, als in einer virtuellen Welt, wie SL, ggf. in einem virtuellen Krankenhaus.

- Lesen Sie weiter auf S. 2 -

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Online Tutoring Journal, Ausgabe 3(10), Juli 2008, Beck, Hajnalka: Fremdsprachenunterricht in SL, S. 1.  

Thema der aktuellen Ausgabe: "Game Based Learning"

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 Editorial

 Experteninterview mit Matthias Rückel (time4you): Wie lernt man in Second Life und anderen virtuellen Welten?

 Artikel: Axel Nattland: Lernen in Second Life: Welten verbinden - Welten erfinden

 Artikel: U. Kortenkamp/ W. Müller: Wo ist denn hier das Undo? Erfahrungen beim Einsatz von Second Life in Lehrveranstaltungen

 Artikel: Hajnalka Beck: Möglichkeiten und Grenzen des Fremdsprachenunterrichts in einer virtuellen Welt

 Artikel: Silvia Dreer: Realisierung von Second Life in berufsbildenden Schulen

 Proposals Ausgabe 4/2008

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