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Hajnalka Beck:

"Live-Online-Sprachtraining als Geschäftsfeld - ein Erfahrungsbericht"

Abstract: Die Autorin beschreibt, wie sie über Live-Online-Deutschunterricht ein einträgliches Geschäftsfeld für sich erschlossen hat. Insbesondere sind ihre Ideen für die Akquise von Kunden anregend und innovativ.

Ich bin Ungarin, habe in Ungarn ein Studium als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache absolviert, und schon ab dem dritten Studienjahr als angestellte Lehrerin gearbeitet – insgesamt 8 Jahre lang. Vom ersten Moment an hatte ich meinen Beruf sehr gern und wollte nie etwas anderes machen als unterrichten.

Dann brachte mich das Leben nach Deutschland und ich wurde mit der traurigen Tatsache konfrontiert, dass mein Diplom hier praktisch wertlos ist, und dass mein einziger Weg wäre – wenn ich wieder als Lehrerin arbeiten möchte – erneut zu studieren. Das habe ich auch getan. Aber da ich altersbedingt kein Bafög bekommen habe, und da ohne Geld nichts geht - musste ich irgendwie Geld verdienen. Aber wie? Kellnern ging nicht – wegen der Familie, die Uni verlangte sowieso eine flexible Arbeitszeit. Ich stand vor der großen Frage, wie ich dieses Problem lösen soll.

Ungefähr um diese Zeit habe ich eine Webseite gefunden, auf der der Homepageeigentümer via Internet Sprachunterricht angeboten hat, was ich mit Interesse gelesen habe. Inzwischen waren Semesterferien, und ich hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken.

Ich habe überlegt: Wenn mein ungarisches Diplom als Lehrerin in Deutschland nicht ausreicht, um unterrichten zu können, dann muss ich halt irgendwie mit Schülern aus Ungarn Kontakt aufnehmen. Für die könnte ich die beste Wahl sein! Ich lebe ja direkt im Zielsprachenland, ich habe eine passende Ausbildung, und ich spreche ihre Muttersprache. Und dafür eignet sich der Sprachunterricht via Internet bestens! Gedacht – getan!

Ich habe mir eine Webseite gebastelt und habe mit dem Unterrichten losgelegt! Einfach so! Über virtuelle Klassenzimmer, LMS, oder Ähnliches wusste ich wenig. Ich hatte nur skype und mein Wissen in der Fachdidaktik und Fachmethodik des Fremdsprachenunterrichts.

Ich musste natürlich auch an Kunden kommen, das heißt, ich brauchte Schüler, die Deutsch lernen wollten. Beim Suchen und Finden half mir meine Erfahrung mit der ungarischen WWW-Welt sehr.

Genau um diese Zeit ergab sich die Möglichkeit, dass ich ein Portal aufbauen und betreiben konnte bei einem Dienstleister, der alles kostenlos zur Verfügung stellt – ich sollte nur arbeiten. Ich habe kurz überlegt und dann das Angebot angenommen – und habe angefangen mit dem Portal zu arbeiten. Das war eine sehr gute Möglichkeit mich und meine Tätigkeit zu präsentieren. Das Thema dieses Portals ist „Fremdsprachen lernen” und es wird zurzeit 5-7000 Mal pro Monat aufgerufen. 400 Leute haben zwischenzeitlich meinen Newsletter abboniert (kostenlose Deutschübungen mit Lösung werden im Newsletter verschickt), bei Google hat das Portal den Page Rank Wert 3, und es ist eine sehr wichtige Werbefläche für mich selbst geworden.

Eine zweite, und sehr gute Möglichkeit hat mir eine Bekannte angeboten, die mein Fremdsprachenportal besucht hat. Sie vermittelte mich als „Sachverständige für das Fremdsprachenlernen” einer gutbesuchten Webseite. Diese sogenannten „Sachverständigen” sind auf den ungarischen Boulevardähnlichen-Webseiten sehr beliebt und von den Menschen gefragt. Für meine Arbeit – die überhaupt nicht anstrengend ist, ab und zu beantworte ich einige Leserfragen – bekomme ich eine kostenlose Werbemöglichkeit und ich kann zu meinem Thema Artikel schreiben, was ich auch öfters tue.

Des Weiteren war ich sehr viel in verschiedenen Foren unterwegs, habe überall über den Live-Online Sprachunterricht geschrieben und meine Seiten empfohlen, und wenn ich konnte, habe ich auch die URL angegeben.

Ich habe meine Seiten auch bei Suchmaschinen und in verschiedenen Linksammlungen registriert und habe für meine Homepage Partner zum Bannertausch gesucht, um meine Besucherzahl auch auf diese Weise zu steigern.

Außerdem habe ich kostenlose Online-Anzeigen aufgegeben – sehr viele! Ganz gezielt habe ich das auf Seiten getan, die meine Zielgruppe besucht, und das waren in meinem Fall zum Beispiel die Baby–Mami Seiten. Mütter mit kleinen Kindern haben Probleme damit, Sprachkurse bei einer Sprachschule zu besuchen und es passt ihnen sehr gut, dass sie von zu Hause aus lernen können. Oder genauso beliebt ist das Live-Online Sprachenlernen bei Menschen, die bis spät abends arbeiten und keine Lust haben um 18-19 Uhr noch irgendwohin zu fahren. Meine Arbeit wurde auch durch die Tatsache erleichtert, dass in Ungarn kein Student sein Diplom erhält, der nicht eine oder zwei Sprachprüfungen abgelegt hat, und dass der private Sprachunterricht in meiner Heimat auf eine lange und reiche Tradition zurückblickt. Es gibt praktisch fast keinen Sprachlehrer, der nicht auch privat unterrichtet.

Meine Bemühungen, an Kunden zu kommen, blieben nicht ohne Erfolg. Bald hatte ich meine ersten Schüler. Aber je mehr Schüler ich hatte, desto schwerer wurde die Arbeit ohne eine entsprechende Plattform. Ich habe im Internet lange gesucht, verschiedene Demoversionen ausprobiert, aber nichts Passendes gefunden. Entweder war der Preis utopisch oder der Plattform fehlten sehr wichtige Teile, die für den Fremdsprachenunterricht unentbehrlich sind - vor allem, wenn man von seinen Schülern 1000 km weiter weg sitzt - oder es fehlte ganz einfach an meinen IT-Kenntnissen, um das Programm bzw. die Plattform installieren und einrichten zu können.

Ich musste mir also eine eigene Plattform besorgen, und ich habe hier auch den Weg der selbständigen Initiative gewählt. Ich habe Fachliteratur studiert, (allgemeine Fremdsprachendidaktik, Didaktik des E-Learning, Veröffentlichungen über Lernplattformen) dann zusammengeschrieben, was ich alles brauche - daraufhin habe ich mir eine eigene Plattform programmieren lassen, die meinen Erwartungen völlig entsprach. Das hat mich damals nicht mehr gekostet als ggf. die Lizenz einer guten Lernplattform für ein Jahr. Zurzeit unterrichte ich ungefähr 15-20 Stunden in der Woche, außerdem arbeite ich mit der Firma, die damals meine Plattform programmiert hat, zusammen. Wir haben uns vorgenommen, den gleichen Weg, den ich gegangen bin, auch anderen Sprachlehrern zu ermöglichen – aber ihn abzukürzen und einfacher zu machen. Wir bieten ihnen die weiterentwickelte Version meiner Plattform als ASP-Dienstleistung an. Sie melden sich einfach an, füllen ein Formular aus – und innerhalb weniger Minuten haben sie ihre eigene Plattform mit dem von ihnen gewünschten Namen. Zahlen müssen sie nur nachträglich und monatlich, je nachdem, wie viele aktive Schüler sie im System haben – sie können also ihre eigene Online–Sprachschule praktisch ohne finanzielle Investition – und so ohne das Risiko, „was ist, wenn es nicht klappt” - starten. Wir unterstützen sie auch mit fachlichem Wissen, Ratschlägen und Wissensaustausch.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich es bis jetzt nicht bereut habe, dass ich mit dem Live-Online Sprachunterricht angefangen habe. Es macht sehr viel Spaß, es ist bequem, sehr effektiv. Ich bekomme als Lohn genau das, was in Ungarn auch ein „normaler” Sprachlehrer für seinen Unterricht bekommt, es fallen bei mir aber keine Fahrtkosten und Fahrtzeiten an. Ich kann meinerseits die Tätigkeit als Live-Online Sprachlehrer bzw. Live-Online Trainer nur empfehlen!

Download des Artikels als PDF

Link: http://www.lingvico.hu/netdeutsch/nemet/


Hajnalka Beck, Live-Online-Sprachtrainerin für Deutsch
Online Tutoring Journal, Ausgabe 4(7), Oktober 2007, Beck, H.: Live-Online-Sprachtraining als Geschäftsfeld.  

Thema der aktuellen Ausgabe: "Geschäftsmodelle für Teletutoren"

 Startseite

 Editorial

 Experteninterview mit Kathrin Möschle (Netviewer-Academy)

 Artikel: Selbstständig als Teletutor

 Erfahrungsbericht: Live-Online-Sprachtraining als Geschäftsfeld

   Der Kommentar: Investitionen als Teletutor - eine Zwischendurchbilanz

 Proposals Ausgabe 1/2008

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