Hildegard Meister:

Allein und doch vernetzt - der Einsatz von Web 2.0 - Werkzeugen zur Unterstützung der Interaktion in Online-Lerngruppen

Typisch für die Online-Lernsituation ist, dass die Lernenden und Lehrenden physisch weit voneinander entfernt sind. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, dass sie eng zusammenarbeiten, zumindest miteinander kommunizieren. Je umfassender das Social Network im Privatleben Einzug hält, desto stärker erwarten auch die Teilnehmer/innen eines Online-Seminars, dass sie beim Lernen nicht allein gelassen werden. Paradox ist: Während Online-Kommunikation und -Kooperation im Privaten leicht von der Hand gehen, wirken sie in Lernarrangements oft eher bemüht.

Der Grund dafür liegt in der veränderten Interaktion. In der alltäglichen zwischenmenschlichen Interaktion handeln zwei oder mehrere Personen aufeinander bezogen, um ein selbst formuliertes Ziel zu erlangen. Selbstdarstellung, Verhandeln und sein Gegenüber interpretieren vermischen sich dabei. In der (privaten) Online-Kommunikation bzw. –Kooperation erhalten Selbstdarstellung und Interpretation des „Gegenübers“ viel Raum. Dazu kommt, dass das selbst formulierte Ziel gänzlich im informellen Bereich bleibt.

Eine Online-Community wird entweder von einem kommerziellen Anbieter initiiert oder sie entwickelt sich aus den Wünschen einer Gemeinschaft heraus, die sich ggf. eigene Regeln gibt. Das „Verhandeln“ gleicht so einem Spiel, in dem die Mitglieder verschiedene selbst gewählte Rollen einnehmen können.

In (Online-) Lernszenarien hat die Interaktion formellen Charakter. Die Selbstdarstellung tritt – trotz der Möglichkeit, ein Profil zu erstellen – deutlich in den Hintergrund. Die Interpretation des Gegenübers ist verständlicherweise eher verhalten. Darüber hinaus orientiert sich lernendes „Verhandeln“ an den Regeln, die in Schule und Studium/Ausbildung erlernt wurden: formelle Ausdrucksweise, Distanz und meist alleinige Bewertung durch Lehrende.

Formelles Lernen ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Der weitaus größte Teil des Wissens- und Handlungszuwachses der Lernenden läuft überwiegend informell ab, durch (berufliche) Erfahrungen und durch informelle Netzwerke.

Aufgabe von Lernszenarien ist es, eine möglichst gute Verbindung zwischen dem formellen Training und den informellen Netzwerken im Berufsalltag herzustellen. Entscheidend ist dabei, der Selbstdarstellung und der Interpretation des Gegenübers mehr Raum zu geben.

Der Einsatz des E-Portfolios Mahara zur Selbstdarstellung

Ein Schritt dorthin ist der Einsatz von E-Portfolios (z.B. des Opensource-Werkzeugs Mahara). Im E-Portfolio hat die persönliche und berufliche Selbstdarstellung oberste Priorität: Die verschiedenen Facetten der eigenen Biografie kommen genau so zum Tragen wie erworbene Kompetenzen und persönliche und berufliche Ziele. Durch die Möglichkeit, multimediale „Arbeitsproben“ einzustellen und zu kommentieren, wird das Bild des Einzelnen plastisch. Die Lernenden können im E-Portfolio mehrere Ansichten anlegen, sodass sie je nach Zielgruppe entscheiden können, wie sie sich wem gegenüber darstellen wollen. Erst dadurch ist es für Lernende (und Lehrende) möglich, ihr Gegenüber zu interpretieren und sinnvolle lernende Netzwerke aufzubauen, die über das formelle Training hinausgehen.

Ein großes Hindernis auf dem Weg dorthin ist die geringe Erfahrung von Lernenden und Lehrenden mit E-Portfolios. E-Portfolios sollten deshalb gleich zu Beginn einer Trainingsmaßnahme eingeführt und den Lernenden Spaß an der eigenen beruflichen und persönlichen Selbstdarstellung vermittelt werden. Gegenseitige „Besuche“ auf den E-Portfolio-Seiten unterstützen die Selbst- und Fremdeinschätzung. Während des Trainings und vor allem danach sollten immer wieder „Arbeitsproben“ ergänzt und reflektiert werden, in denen die im formellen Training angestoßene Kompetenzentwicklung für den Lernenden selbst, aber auch für das informelle Netzwerk sichtbar gemacht werden kann.

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Dr. phil. Hildegard Meister

eLearning in der Aus- und Weiterbildung Sprachtraining Deutsch www.elearning-und-sprache.de

Sprach- und Literaturwissenschaftlerin, Romanistik / Ost-Slawistik (Universität Regensburg, Université de la Réunion)
Expertin für Neue Lerntechnologien (tele-akademie, FH Furtwangen)

3. Vorstand des Berufsverbands für Online-Bildung


Online Tutoring Journal, Ausgabe 1 (14), Mai 2010, Meister, H.: Allein und doch vernetzt, S. 1.  

Thema der aktuellen Ausgabe:
"Optimierung des Praxistransfers"

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